Wie aus einer Ungenauigkeit eine Lüge wird…

Erstellt am 08.08.2009 von Saakje.
Kategorien: alles bisherige, Weltsicht.

Früher sind die Frauen nicht arbeiten gegangen.“ Das ist so ein Satz, der das Potential zur Lüge hat.

Die erste Frage zu diesem Satz ist: Welches Früher da denn wohl gemeint ist.
Schauen wir uns die Möglichkeiten mal an: Vor 30 Jahren? Nun, damals war die Hausfrauen-Ehe tatsächlich Standard oder zumindest das Ideal. Nicht jeder konnte es sich leisten, aber jeder hat es angestrebt und es galt als der Normalzustand. Frauen haben allenfalls dazuverdient. Was natürlich trotzdem bedeutet, dass sie gearbeitet haben, aber das nur so nebenbei.

Dieses früher könnte also gemeint sein, aber in dieser Aussage schwingt ja immer die Meinung mit, es würde sich um ein Naturgesetz handeln. Und damit sind 30 Jahre zu kurz gegriffen.

Also gehen wir noch etwas zurück. Industrialisierung. Damals war Frauen und Kinderarbeit etwas normales. Es wurde zwar vielerorts beklagt, aber normal war es trotzdem. Wir gehen also gleich etwas weiter zurück: Vor der Industrialisierung.

Die Bevölkerung lebte größtenteils auf dem Land. Damals war es ja wohl so, dass die Bäuerin genauso auf dem Feld und im Stall zu finden war, wie ihr Mann. Der hätte sich auch beschwert, wenn sie nicht gearbeitet hätte. Die Felder waren meist in der näheren Umgebung. Und die älteren Kinder mussten mit anpacken. Die jüngeren Kinder sind nicht ausschließlich von der Mutter betreut worden, es gab ja noch genügend Tanten und Großmütter im Dorf. Auf dem Land hat die Frau also gearbeitet.

Und in der Stadt? Die Frau eines Handwerkers hat auch gearbeitet, ihr war der Lebensunterhalt der Familie auch wichtig. Heute wird das als mithelfende Familienangehörige beschrieben, aber Arbeit ist es trotzdem. Üblicherweise war das Gebäude, in dem der Betrieb oder Laden war, auch das Wohnhaus.

Bleibt noch die Frau eines Adligen. Diese hatte genügend Personal zur Kinderbetreuung. Und sie musste Haus und Hof (und alles andere) zusammen halten, wenn der Mann im Krieg war. Und es gab früher viele Kriege, sehr viele.

Bleibt die Feststellung, dass Frauen früher sehr oft gearbeitet haben. Aber was sich geändert hat: Sie arbeiten nicht mehr im Haus oder auf dem Feld der Nähe. Sondern die Arbeitsplätze sind jetzt weit weg.

Das Frauen früher nicht gearbeitet haben, ist also nicht wahr. Ein anderes Wort für Unwahrheit ist Lüge. Zumindest, wenn es so gemeint ist.

Was sich geändert hat ist: Die Arbeit findet nicht mehr zu Hause oder auf dem Feld nahe des Hauses statt. Die Arbeit (eigentlich seit der Industrialisierung) ausgelagert worden.

Aber dies gilt für Männer ebenso. Auch Männer haben früher zu Hause gearbeitet. Von den Tagelöhnern abgesehen, hat fast die gesamte Bevölkerung auf dem Hof oder in dem Haus gelebt und gewohnt, wo ihre Arbeit war.

Richtig wäre also der Satz „Früher sind Frauen und Männer nicht zur Arbeit gegangen. Früher hat fast die gesamte Bevölkerung zu Hause gearbeitet.

Aber das ist nicht das was gesagt wird. Und weil es noch nicht einmal das ist, was gemeint wird, ist es eben eine Lüge – und nicht nur eine Ungenauigkeit.

3 comments.

Kommentar on August 10th, 2009.

Sehr interessante Ausführung, und doch so wahr. Vor allem da ja auch Hausfrau und Mutter Arbeit ist. Und sicherlich nicht weniger anstrengend als jagen und fischen. Um mal ganz weit zurück zu gehen.
Und eines bleibt definitiv Fakt, nur weil eine Frau zu welchen Früher und Jetzt auch immer nicht für Ihre Tätigkeit entlohnt wurde/wird heißt das nicht, dass sie nicht arbeitet. Das wiederum lässt aber keinen falls dem Umkehrschluss zu dass jeder der Geld bekommt arbeitet. Komplizierte Angelegenheit.

Saakje
Kommentar on August 10th, 2009.

Um ganz weit zurückzugehen: Es heißt Jäger & Sammler. Und ich glaube nicht, das die Frauen nichts gesammelt haben… 😉

Kommentar on August 20th, 2009.

Da ist auch was dran… Aber Sammeln ist ja heutzutage eine Leidenschaft und keine Arbeit im herkömmlichen Sinne…

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